Harley Quinn: Vom Opfer zur starken Frau

Harley Quinn: Vom Opfer zur starken Frau

1992 sollte sie genau eine Folge lang existieren. Eine Handlangerin mit Hofnarrenkostüm, die dem Joker die Torte reicht und wieder verschwindet. Heute, 34 Jahre später, hat „Harley Quinn“ drei Kinofilme, eine eigene Serie, eine eigene Comic-Reihe und mehr Platz in unseren Regalen als die halbe Justice League. Keine andere Figur bei „DC Comics“ hat in so kurzer Zeit einen so weiten Weg zurückgelegt. Und keine andere wirft so viele Fragen auf.

Die erste gleich vorweg: Ist sie überhaupt eine Schurkin? Ja, natürlich. Ihr Vorstrafenregister reicht vom Juwelenraub mit Poison Ivy bis zu Morden für ihren „Puddin“. Aber sie versucht auch regelmäßig auszusteigen, sie rettet Leute, sie bricht die vierte Wand und redet direkt mit uns. Und sie hat diese Art, bei der man gar nicht anders kann, als sie zu mögen. Harley ist nicht durchschaubar, und das liegt daran, dass sie sich in über drei Jahrzehnten immer wieder neu erfunden hat. Nicht nur das Kostüm, nicht nur die Waffe (der Baseballschläger hat den Hammer abgelöst). Vor allem ihre Persönlichkeit. Und um die geht es hier.

Woher sie kommt: Eine Soap, ein Hofnarrenkostüm und eine Folge

Harley Quinn ist eine Ausnahme bei DC, weil sie nicht aus einem Comic stammt. Ihr Debüt hatte sie am 11. September 1992 in „Batman: The Animated Series“, in der Folge „Joker's Favor“. Autor Paul Dini hatte sich die Figur bei seiner Freundin, der Schauspielerin Arleen Sorkin, abgeschaut: Die war in der Soap „Days of Our Lives“ in einer Traumsequenz im Hofnarrenkostüm aufgetreten. Sorkin bekam die Rolle gleich selbst und blieb über 20 Jahre lang Harleys Stimme, in Serien, Filmen und Videospielen. Sie starb im August 2023, und wer die Figur mag, sollte ihren Namen kennen.

In „Joker's Favor“ ist Harley noch nicht viel mehr als dekorative Begleitung. Sie macht „Mr. J.“ die Haare, sie applaudiert, sie trägt das rot-schwarze Harlekin-Kostüm, das ihrem Namen den Sinn gibt. Als „Batman“ ihr am Ende Handschellen anlegt, kommentiert sie trocken, dass sie wohl doch besser auf die Kosmetikschule gegangen wäre. Ein Gag. Aber die Zuschauer wollten mehr von ihr, und Dini lieferte.

1994 erschien mit „Mad Love“ der Comic, der Harleys Vorgeschichte erzählt und bis heute die Grundlage für alles danach ist. Dr. Harleen Frances Quinzel, Psychologin mit zweifelhaft erworbenem Abschluss, nimmt eine Stelle in Arkham Asylum an, weil sie Superschurken faszinierend findet. Drei Monate kämpft sie um ihre erste Sitzung mit dem Joker. Dann sitzt sie ihm gegenüber, und er erzählt ihr von einem Vater, der ihn geschlagen hat und nie über seine Witze lachte. Harleen glaubt ihm jedes Wort. Als Batman den Joker nach einem Ausbruch halbtot zurückbringt, bricht sie zusammen. Sie sieht in ihm ein missverstandenes Kind, das nach Liebe schreit. Und sie beschließt, ihm zu helfen. Aus Dr. Quinzel wird Harley Quinn.

„Mad Love“ hat einen Eisner Award gewonnen und wurde später als Serienfolge adaptiert. Das Entscheidende an der Geschichte: Sie zeigt nicht, wie eine Frau böse wird. Sie zeigt, wie eine kluge Frau manipuliert wird. Das ist der Kern der Figur, und alles, was danach kam, ist eine Antwort darauf.

Die Joker-Jahre: Fenster, Blumen, Rückfälle

In den ersten Jahren ist Harley in erster Linie das Opfer ihrer eigenen Liebe. Der „Joker“ nutzt sie aus, demütigt sie, versucht sie mehr als einmal zu töten. Er wirft sie aus dem Fenster, und eine Blume am Krankenbett reicht, damit sie zurückkommt. Er will ihr die Kehle aufschlitzen, und als sie sich rächen will, befreit sie ihn stattdessen aus Arkham. Wer das heute liest, erkennt das Muster sofort. In den 90ern war es für einen Comic erstaunlich ehrlich.

Das Gegengewicht ist von Anfang an Poison Ivy. Sie päppelt Harley auf, nachdem der Joker sie beinahe umgebracht hat, und verabreicht ihr ein Serum, das sie übermenschlich stark und immun gegen Gifte macht. Als „Queens of Crime“ ziehen die beiden gemeinsam los und planen sogar den Tod des Jokers. Mit Catwoman bilden sie die „Gotham City Sirens“, ein Team, das aufeinander aufpasst. Ivy ist die einzige, die Harley immer wieder sagt, was sie sich da antut. Und Harley hört ihr immer wieder nicht zu. Noch nicht.

Arkham: Die Partnerin auf Augenhöhe

Den ersten großen Schritt macht Harley ausgerechnet in Videospielen. In „Batman: Arkham Asylum“ (2009) lernen wir sie kurz als schüchterne, naive Psychiaterin kennen, bevor sie im Krankenschwester-Outfit zurückkommt und vor Selbstbewusstsein nur so strotzt. In „Arkham City“ (2011), jetzt in Lederhose und roter Korsage, ist sie keine Handlangerin mehr, sondern befehligt selbst eine Armee davon. Sie rettet Poison Ivy, sie hält Batman stand, und wenn der Joker etwas nicht passt, beruhigt sie ihn mit einem Küsschen. Dieser Joker entschuldigt sich sogar bei ihr.

In der Erweiterung „Harley Quinn's Revenge“ schlägt sie allein eine ganze Truppe Polizisten nieder, und ihre Trauer um den toten Joker ist das Emotionalste, was die Spiele zu bieten haben. In „Arkham Knight“ (2015) führt sie dann seine Gang. Die Arkham-Harley ist die erste Version, bei der man versteht, warum sie beim Joker bleibt: Er hat ihr ein Selbstvertrauen gegeben, das sie vorher nicht hatte. Das ist immer noch keine gesunde Beziehung. Aber es ist zum ersten Mal eine zwischen zwei Erwachsenen.

Comics: Der Neustart, die Trennung, Coney Island

Mit dem Neustart „New 52“ (2011) baut DC Harleys Herkunft aus. Wir sehen sie als Teenager in Brooklyn, mit einer Mutter, die sie „böse“ nennt, einem Vater, der Frauen um ihr Geld betrügt, und einem ersten Freund, der einen Mord begeht, um ihr seine Liebe zu beweisen. Als Andenken an ihn stiehlt sie einen ausgestopften Biber, mit dem sie bis heute Gespräche führt. Auch ihre Verwandlung wird neu erzählt: Der Joker wirft seine Befreierin gegen ihren Willen in dasselbe Chemikalienbecken, das ihn einst zum Joker gemacht hat. Heraus kommt eine Frau mit halb roten, halb blauen Haaren und einem Grinsen, das nicht mehr weggeht.

Dann passiert das, was der alte Text hier noch für die große Frage hielt. In „Death of the Family“ (2012) taucht der Joker nach langer Abwesenheit wieder auf, und es kommt zum Showdown: Er beißt ihr ein Ohr ab, sie bricht ihm bei einem Kuss einen Zahn aus. Und dann sagt sie den Satz, auf den die Figur 20 Jahre lang zugesteuert ist: Sie ist nicht sein Eigentum. Er sperrt sie ein. Sie befreit sich selbst. Schluss.

Gleichzeitig wird Harley Mitglied der „Suicide Squad“, Amanda Wallers Himmelfahrtskommando aus Schwerverbrechern. Dort passt sie hin wie der Baseballschläger aufs Auge: zu gefährlich für die Guten, zu unberechenbar für die Bösen, und mit Deadshot hat sie zum ersten Mal einen Mann, der nicht der Joker ist.

Der eigentliche Wendepunkt kommt aber 2013, und er fehlt in den meisten Harley-Geschichten, weil er so unspektakulär klingt: Harley bekommt eine eigene Comic-Serie. Amanda Conner und Jimmy Palmiotti schicken sie nach Coney Island, geben ihr ein Mietshaus, eine Roller-Derby-Mannschaft, einen Job als Psychiaterin und einen Freundeskreis aus Freaks. Vier Jahre lang ist der Joker praktisch abwesend. Harley bricht die vierte Wand, zankt sich mit den Autoren über die Handlung, und wird nebenbei zu einer der bestverkauften DC-Figuren überhaupt. Diese Serie hat die Harley erfunden, die wir heute kennen: laut, warmherzig, chaotisch, und niemandem mehr unterstellt. Wer wissen will, wie sich die Figur anfühlt, wenn sie nicht gerade jemandes Freundin ist, fängt hier an.

In derselben Zeit wird aus der besten Freundin mehr. Harley und Poison Ivy sind in den Comics seit Mitte der 2010er offiziell ein Paar, erst zaghaft, inzwischen ganz selbstverständlich. Und 2019 erschien mit „Harleen“ von Stjepan Šejić die vielleicht schönste Version ihrer Entstehungsgeschichte: drei Bände, die „Mad Love“ aus Harleens Sicht erzählen, mit einem Joker, der nie schreit und gerade deshalb so gefährlich ist. Wer nur einen Harley-Comic lesen will, nimmt diesen.

Kino: Margot Robbie und drei sehr verschiedene Filme

„Suicide Squad“ (2016) war als Film keine Sternstunde, aber Margot Robbie war von der ersten Szene an die Harley, auf die alle gewartet hatten. Der Film erzählt ihre Entstehung inklusive Chemikalienbecken, zeigt sie aber noch als Frau, die alles für ihren „Puddin“ tut. Kritik gab es vor allem an der Kamera, die Harleys Hintern deutlich interessanter fand als ihren Kopf. Robbie selbst hat das später offen angesprochen.

Und dann hat sie es geändert. „Birds of Prey“ (2020), von Robbie mitproduziert, beginnt mit der Trennung vom Joker und erzählt, was danach kommt: Harley, die in Gotham plötzlich niemanden mehr hat, der sie schützt, und sich mit einer Handvoll anderer Frauen gegen Ewan McGregors Black Mask behaupten muss. Der Untertitel nennt es „die fantastische Emanzipation der Harley Quinn“, und so fühlt es sich an. Das Kostüm hat Taschen, die Kamera lässt sie in Ruhe, und ein Eier-Sandwich wird zur Metapher für alles, was ihr jemand wegnehmen will. An der Kinokasse lief der Film mäßig. Bei den Fans ist er heute der Lieblingsfilm.

„The Suicide Squad“ (2021) von James Gunn macht den letzten Schritt. Harley wird von einem Diktator umworben, lässt sich auf ihn ein, und als er beiläufig erwähnt, dass er Kinder töten lässt, erschießt sie ihn. Danach erklärt sie der Leiche in aller Ruhe, dass sie sich geschworen hat, bei der nächsten roten Flagge nicht mehr wegzusehen. Das ist die ganze Figur in einer Szene: Sie hat gelernt. Zu spät für vieles, aber gelernt.

Und dann gibt es noch „Joker: Folie à Deux“ (2024). Lady Gaga spielt dort Lee Quinzel, und der Film dreht das Verhältnis um: Hier ist sie diejenige, die manipuliert, und Joaquin Phoenix' Arthur Fleck ist der, der sich verliert. Eine interessante Idee, die als Musical und als Fortsetzung kaum jemand sehen wollte. Der Film ist krachend gefloppt. Für Harleys Geschichte ist er trotzdem bemerkenswert, weil er die einzige Version ist, in der sie von Anfang an die Stärkere ist.

Die Serie: Harley und Ivy, ganz offiziell

Wer die modernste Harley sucht, findet sie in der Animationsserie „Harley Quinn“ (seit 2019), gesprochen von Kaley Cuoco. Die erste Staffel beginnt mit der Trennung vom Joker und erzählt, wie Harley versucht, als eigenständige Schurkin ernst genommen zu werden. Am Ende der zweiten Staffel sind sie und Ivy ein Paar, und die Serie macht daraus keine große Sache, sondern einfach eine Beziehung mit allem, was dazugehört. Dazu kommen ein King Shark, der eigentlich nur nett sein will, ein Bane, der ständig unterschätzt wird, und ein Humor, der nichts für Kinder ist, auch wenn Eltern das regelmäßig verwechseln.

Fünf Staffeln gibt es bisher, die letzte lief Anfang 2025. Eine sechste ist bis heute nicht offiziell bestätigt. Cuoco sagt, alle wollen sie machen, es fehlt nur das Go von DC. Wenn es kommt, wird es frühestens 2027. Bis dahin gibt es den Ableger „Kite Man: Hell Yeah!“ aus dem Jahr 2024.

Und jetzt? Harley 2026

Gleich an drei Stellen passiert gerade etwas. In „Batman: Caped Crusader“ (Staffel 2 seit Juli 2026) gibt es die radikalste Neuerfindung seit 1992: Jamie Chung spricht eine Dr. Harleen Quinzel, die den Joker nie getroffen hat. Sie ist Psychiaterin, die korrupte Reiche aus Gotham in Therapie nimmt und ihnen das Vermögen aus der Tasche redet. Keine Freundin, kein Hammer, kein Harlekin. Ob das noch Harley ist, darüber streiten die Fans. Dass es funktioniert, bestreitet kaum jemand.

In den Comics läuft die aktuelle Serie seit 2021 und ist inzwischen bei über 60 Heften. Im März 2026 hat Harley kurzzeitig Batmans Cape und Maske übernommen, als „Batquinn“, mit allem, was man sich dabei vorstellen kann.

Und im Kino? Da ist die Lage offen. Im neuen DC-Universum von James Gunn gibt es bislang keine Harley, und ob Margot Robbie zurückkommt, weiß offenbar nicht einmal sie selbst. Gunn sagt, das werde sich „irgendwann zeigen“. Robbie sagt, sie habe nichts gehört, und die Rolle dürfe gern auch mal jemand anderes spielen. Ein Nebensatz in der Serie „Lanterns“ im September 2026 hat die Gerüchteküche wieder angeheizt. Mehr ist es nicht.

Vom Opfer zur starken Frau. Und dann?

Als dieser Artikel 2016 zum ersten Mal erschien, war die große Frage, ob Harley im Kino wieder auf den Joker hereinfällt. Zehn Jahre später ist die Antwort: Sie ist es zweimal, und dann nie wieder. In den Comics, in der Serie, in drei Filmen hat sie sich getrennt, ist eigene Wege gegangen, hat sich in Ivy verliebt, hat Kinder gerettet und Diktatoren erschossen. Die Frau, die 1992 für einen Gag erfunden wurde, ist heute die Figur, bei der sich DC am meisten traut.

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